Herrenchiemsee

2005

publikum
schuldknecht
tischgesellschaft
totenmasken
NextGen ScrollGallery thumbnailNextGen ScrollGallery thumbnailNextGen ScrollGallery thumbnailNextGen ScrollGallery thumbnail

Kritik

»Ei Jedermann! So fröhlich dein Mut…?«

Das unsterbliche Spiel vom Sterben des reichen Mannes als Open-Air-Gala im Ehrenhof von Herrenchiemsee

»Jedermann« im Ehrenhof des Schlosses auf Herrenchiemsee: Jedermann (Georg Preuße) vergnügt sich im Einverständnis mit seinem guten Gesellen (Daniel Fehlow) mit schönen Frauen, bis ihn der Tod aus dem vollen Leben holt. (Foto: Hans Gärtner)

»Jedermann« wird nicht sterben. Kaum sind die Salzburger hohen Töne vor dem Domplatz verklungen, da erschallen die lang gedehnten Rufe »Je-der-mann…!« durch den Ehrenhof des König-Ludwig Schlosses auf der Insel Herrenchiemsee. Eine nicht minder eindrückliche Kulisse! Die Stufen wie vor dem Salzburger Dom breit angelegt. Die langen Wege aus dem Zuschauerfeld und von den Seiten weidlich genützt. Die Tafel der Tischgesellschaft, die die provokante Frage des leibhaftig erscheinenden Todes während des ausgelassenen Gelages »Ei, Jedermann! So fröhlich dein Mut…?« nicht vernehmen kann, reichlich gedeckt. »Ihr Buben, machet heiß den Wein!« – alle Befehle des wohlhabenden, weltzugewandten Prassers in den besten Jahren werden untertänigst und ehrschleicherisch ausgeführt.

Das bald hundert Jahre alte, immer wieder aufs Neue faszinierende »Spiel vom Sterben des reichen Mannes« nimmt seinen Lauf. Auf Herrenchiemsee kann man das bei sinkender Septembersonne mit hohem Genuss miterleben, ohne große Qualitätseinbußen im Vergleich zu Christian Stückls Festspiel-Inszenierung an der Salzach. Wer weiß, wie die wird, wenn der neue Schauspielchef Martin Kusej sie nächstes Jahr in seine Obhut nimmt.

Auf der Chiemseeinsel, wo man seitens der Priener Tourismus GmbH als Veranstalter den Mund beileibe nicht zu voll nahm und eine Gala-Vorstellung in Star-Besetzung ankündigte, gar von »dem Theaterereignis des Jahres« sprach, hatte die besonnen-kluge Schauspielerin Brigitte Grothum das Heft in der Hand.

Sie kam mit ihrem Ensemble und einem halben Dutzend Musikern aus Berlin und nahm im schönsten Oberbayern, gerade noch vor Einbruch der Herbstabendkühle, die Gelegenheit wahr, quasi die Vorpremiere für eine Reihe von Aufführungen ihres »Jedermann« im Berliner Dom über die Bühne gehen zu lassen. Sie selbst trat mit wenig Pose, aber markanter Stimme als »Glaube« auf, das rötlich-blonde Haar strähnig, den hellblauen Mantel schmucklos. Am Schluss wird sie von den Totenlichterträgern in ihren langen dunkelblauen Kutten umringt, eingekreist. Der »Glaube« also verloren?

Brigitte Grothum gab in ihrer »Jedermann«­Inszenierung dem Zuschauer viel zum Nachdenken auf. Wenn sie ihr Stück häufig mit Bach-Choräle, -Arien und Matthäuspassions-Passagen unterlegte, gespielt von einem Organisten auf der Bühne und von Musikern im Mozart-Look vom Mittelbalkon herab; wenn sie die Auftritte des Todes (Joachim Hansen in Klaus-Kinski-Nosferatu-Maske) von einem zehrenden lang gezogenen Geigenton begleiten und dann die Tischgesellschaft an markanten Textstellen mehrmals »einfrieren« ließ: wenn sie ihren für die Rolle entschieden zu jugendfrisch erscheinenden Ausnahme-»Jedermann« Georg Preuße, dessen Herz sich soeben Gevatter Tod ergriffen hatte, auf die gedeckte Tafel nach vorne fallen ließ, so dass diese sich teilte und Preuße / Jedermann nach vorne die Treppen hinabstürzte, den Lorbeerkranz verlierend, den ihm seine Buhlschaft (Jenny Elverz-Elbertzhagen als Barbie-Blondchen) zuvor aufs schon ergraute Haupt gedrückt hatte … .

Eben diesen Lorbeerkranz trägt später, als Jedermann das berühmte ihm verbleibende »Stündlein Zeit« im Spiegel seiner wenig rühmlichen Taten durchmacht, ein Kind auf einem roten Samtkissen herein, um ihn – der herrlich satanisch-tänzerische, grell-punkige Mammon des geschmeidigen Marcello De Nardo ist gerade im Safe verschwunden – hier obenauf zu legen, damit es, das Safe, wie Jedermanns Sarg, von vier Trägern als letzte Sänfte mitsamt dem eitlen Ruhm des Irdischen abtransportiert würde. Ernste (Auftritt Brigitte Mira als in ihrer zittrigen Greisenhaftigkeit anrührende Mutter oder Jitka Frantova als, wie immer, mahnend-larmoyante »Werke«), heftige (Auftritt Peter Sattmann als höhnischer Teufel in roten Lackschuhen und furchterre­gend blutgetränkter Maske) und komische Szenen (Horst Pinnow und Wolfgang Bahro als umwerfend komödiantische Vettern) wechselten sich geradezu rhythmisch ab. Ganz nach dem Geschmack sowohl des Textdichters Hugo von Hofmannsthal als auch des Publikums, das sich von so prachtvollen Darstellern von der Art eines Daniel Fehlow als beherzter »guter Gesell« oder eines Horst Schultheis als in seiner Schlichtheit der Rollenauffassung überzeugender »armer Nachbar« mit ihrer hohen Sprechkultur ebenso gern unterhalten ließ wie es den vielleicht letzten warmen, windstillen Spätsommerabend bei einem Stück populärer Weltdramatik genoss.

Ein Glück, dass es keine erwähnenswerten technischen Übertragungs- und Verstärkungsprobleme gab. Eine so hochwertige Inszenierung mit adäquaten Akteuren sollte für nächstes Jahr schon jetzt eingekauft werden. Man kann so etwas doch zwei-, dreimal bringen. Was steht dagegen? Ei, Priener Tourismusgesellschaft, nur Mut!

HansGärtner ( Traunsteiner Zeitung)